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Projektidee

 

Die Suche nach einem neuen Ansatz

In der Literatur wird im Bezug auf die Toleranz einzig die Biene selbst als variabler Faktor gesehen, veränderbar über eine züchterische Bearbeitung. Das sechsjährige Überleben von Volk 75 aus dem eigenen Versuch provoziert jedoch die Frage, ob nicht die veränderten Haltungsbedingungen eine entscheidende Rolle gespielt haben könnten. Dieser Ansatz mit der Bienenhaltung als Versuchsvariable und der dokumentierten Überwachung der Bienen und Milbenpopulationen bildet den Kern der vorliegenden Versuchsprojekte. Es ist wichtig, herauszufinden, ob veränderte Haltungsbedingungen einen Toleranzfaktor darstellen. Aus den Erfahrungen mit Volk 75 werden die Einzelaufstellung, beschränkter Raum und der Naturbau übernommen.

Einzelaufstellung

In einer ersten Literaturrecherche konnten keine Untersuchungen gefunden werden, die den Unterschied zwischen einer Einzelaufstellung von Bienenvölkern und der üblichen Gruppenaufstellung beleuchten. Es ist jedoch anzunehmen, dass Bienenvölker grundsätzlich nicht die Nähe zueinander suchen, wenn man an die früheren Zeiten denkt, in denen die Bienenvölker in Bäumen und Höhlen lebten. Dies war auch im mittelalterlichen Zeidlerwesen noch kein Thema. Mit dem Schwarmfang und dem Aufstellen von Körben und Kasten wurde es möglich, Bienenvölker gruppenweise zu halten. Die gestapelten Bienenkästen im schweizerischen Bienenhaus bringen den Vorteil eines geringeren Futterverzehrs durch den Schutz und die gegenseitige Erwärmung. Dieser Vorteil wurde jedoch nicht von den Bienen gesucht sondern von den Menschen erfunden. Die gruppierte Aufstellung hat für das Bienenvolk auch verschiedenen Nachteile. Die optimale Nutzung wertvoller naheliegender Trachtquellen muss mit den anderen Völkern geteilt werden; die Versorgungsfrage würde also für eine weiträumige Verteilung in der Landschaft sprechen. Die Fragen von Krankheitsübertragung und Räuberei bringen ebenfalls ein gegenseitige Beeinflussung. Durch den Verflug bei gruppierter Aufstellung können Krankheitsfaktoren wie Milben, Bakterien, Pilzsporen und Viren auf dem Stand ausgetauscht und verbreitet werden. Aufgrund der Räuberei ist eine Durchseuchung, wie sie bei "Volk 75" beschrieben wird (siehe S. 13), nur bedingt möglich, weil geschwächte Völker auf einem Stand rasch entdeckt und ausgeraubt werden. Mit einer Einzelaufstellung ohne Bienenvölker im Umkreis von 300 Metern können die Stressfaktoren der Gruppenaufstellung vermindert werden.

Der Naturbau

Im Naturbau bauen die Bienen ihre Waben aus köpereigenem Wachs auf, ohne eine vorgeprägte Wachsplatte als Bauvorgabe. Das Interesse an Bienenvölkern mit eigenem Wabenbau ist in den letzten Jahren in der Imkerschaft gewachsen. Der Impuls zum Naturbau stammt von Rudolf Steiner, der darauf hinweist, dass die Waben und Zellen so zum Körper der Bienen gehören, wie das Skelett zum Menschen (Steiner R., 1923). Bienenvölker mit Naturbau im Brutraum gehören deshalb zur Betriebweise der Demeterimkerei.

Neben dem Aufbau aus körpereigenem Wachs erlaubt der Naturbau dem Bienenvolk eine volkseigene räumliche Gestaltung des Arbeiterinnen und Drohnenbaues. Eine Beschreibung dieser Gesetzmässigkeit gibt Free J.B (1975): Ein Schwarm bildet zuerst nur Arbeiterinnenzellen, der Drohnenbau kommt erst später dazu. In naturnahen Situationen, wie in einem hohlen Baum werden die Drohnenzellen  auf den wenigen langen Waben gegen unten und seitlich angebaut. Im Winter ziehen sich die Bienen auf  dem Wabenzentrum zusammen und dehnen sich mit dem Wachstum im Frühling wieder über das ganze Wabenwerk aus; sie erweitern es wenn nötig. J.B. Free (1975) konnte zeigen, dass die Fläche des Drohnenbaues vor allem mit der Anzahl Arbeiterinnen zunimmt. Diese Gesetzmässigkeit der Brutnestarchitektur kann bei Naturbauvölkern trotz ihrer jeweils individuellen Ausformungen studiert werden. Das kugelige Arbeiterinnenbrutnest im oberen Wabenteil wird gegen unten und seitlich mit Drohnenbau ergänzt. Der Drohnenbau ist so angelegt, dass er bei den seitlichen Waben höher gezogen ist als bei den mittleren Waben, wie auch auf der einzelnen Wabe  gegen die Rahmenschenkel hin.

Die räumliche Gestaltung des Drohnenbaues über die ganze Brutnestanlage entspricht damit einer Wanne, in die die Arbeiterinnenbrut als Kugel eingebettet liegt. Dieses Bild vermittelt den Eindruck, dass die Arbeiterinnenbrut durch die Drohnenbrut  zusammengehalten wird. Das kugelige Brutnest scheint von dieser Schale geschützt zu werden und darin geborgen zu sein. Die Hypothese aus der bildlichen Betrachtung lautet damit, die Drohnenbrutanlage im Naturbau hat als Wanne eine Schutz- und Reservefunktion für die Arbeiterinnenbrut.

Diese Hypothese erfährt auch durch bekannte Tatsachen eine gewisse Stützung:

  1. Die Drohnenbrut wird bevorzugt von Kalkbrut befallen, es gibt Situationen in denen sogar ausschliesslich die Drohnenbrut sichtbaren Kalkbrutbefall aufweist.
  2. Die Drohnenbrut wird von der Varroamilbe bevorzugt befallen.
  3. Die Drohnenbrut wird als erstes abgebaut in Krisensituationen. Gemäss den Untersuchungen von Weiss K. (1984) kann in Notzeiten die Brut durch Brutfrass abgebaut werden. Die Drohnenbrut wäre damit eine Reserve für schwierige Situationen.

Hier muss allerdings noch eine Diskussion zum Punkt zwei angeführt werden. Die Varroa kann sich aufgrund der längeren Verdeckelungszeit in der Drohnenbrut besser vermehren. In den Modellen der Populationsberechnungen der Varroamilben wird in der Drohnenbrut von einem Vermehrungsfaktor von 2,5 von einem Varroaweibchen ausgegangen, für die Arbeiterinnenbrut wird mit einem Vermehrungsfaktor von 1,5 gerechnet ( Calis J., 1999). Die Autoren geben an, dass ihr Modell für zwei Fälle eine deutliche Vermehrung der Varromilbe berechnet: 1. Eine längere Brutperiode hat einen dramatischen Anstieg der Varroamibe zur Folge. 2. Eine relativ erhöhte Drohnenbrutzellenanzahl bringt ein erhöhtes Varroapopulationswachstum mit sich. Dieses Resultat konnte durch Büchler R. (1996) bestätigt werden.  Er hat Naturbauvölker im Vergleich mit Völkern auf Mittelwänden beobachtet und bei der Populationsdynamik im Aufbaujahr eine ähnliche Entwicklung festgestellt. Im ersten Jahr wurden sehr viel mehr Drohnenbau und Drohnen bei den Natubauvölkern registriert und im Sommer eine deutlich geringere Arbeiterinnenpopulation, jedoch nicht signifikant weniger Honig. Hochsignifikant stärker war jedoch die Milbenvermehrung in den Naturbauvölkern.

Es ist jedoch interessant, dass das "Versuchsvolk 75" mit dem Naturbau eine Lebenslänge erreicht hat, die niemand für möglich gehalten hätte.

Beobachtung der Dynamik Wirt-Parasit

Ein Überlebensversuch bringt klare und einfache Aussagen: Überleben Ja oder Nein. Damit ist zwar eine Selektion möglich, aber kaum Forschung. Für die Forschung braucht es umfangreiche Datenerhebungen beim Wirt und beim Parasit. Diese sollen nicht nur Rückschlüsse auf die Anzahl adulter Tiere zulassen, sondern auch Informationen über Reproduktionsverhalten und -fähigkeit von Wirt und Parasit ermöglichen. Damit können Gesetzmässigkeiten über die gegenseitige Beeinflussung erarbeitet werden. Es können Einblicke in die Dynamik und Wechselwirkung von Wirt und Parasit entstehen.

Bisher ist man davon ausgegangen, dass das Bienenvolk in unseren Breiten die Varroapopulation nur unwirksam beeinflussen kann. Die Beobachtungsresultate bei "Volk 75" tönen an, dass verschiedene Abwehrstrategien denkbar sind. Erst eine breitere Datenbasis kann jedoch zeigen, ob daraus auch Gesetzmässigkeiten erarbeitet werden können. Unter Berücksichtigung der erfahrungsgemäss plausiblen Annahme, dass kein unbehandeltes Volk die normale Lebenserwartung übertrifft, bieten die Daten dennoch Material zu einer wissenschaftlichen Auswertung. Fries et al. (2003) dazu im Bericht über die Gotlandversuche: : "to better understand the host-parasite interactions before colony breakdown from mite infectations, brood production and adult bee population must be monitored much more closely than was done in our experiment."

Es gibt folgende Möglichkeiten für die Datenerhebung:

  • Natürlicher Totenfall der Milben: Mit der wöchentlichen Kontrolle der gittergeschützten Unterlagen kann die Milbenbelastung abgeschätzt werden (das ist ein übliches Diagnoseverfahren für Wissenschaft und Praxis.
  • Populationsdynamik des Bienenvolkes: Mit der unter Hans Wille in den 70er und 80er Jahren erarbeiteten Populations- Schätzung im dreiwöchigen Abstand können Brut und Bienenmenge in ihrem dynamischen Ablauf sichtbar gemacht werden (Imdorf A. et al. 1986).
  • Vermehrungsrate der Varroamilbe: über das Auszupfen von verdeckelter Brut in einem Zellenausschnitt kann die Varroamilbe und ihre potentiellen Nachkommen ausgezählt werden (3 mal jährlich).
  • Bestimmung der Anzahl Varroa auf den Bienen im Brutfreien Zustand, 1mal jährlich im Herbst bei Brutfreiheit.
  • Auswertungen über die begleitenden Vireninfektionen: Es wird angenommen, dass die Virenbelastung bei Tod und Leben von Völkern mit hoher Varroabefall eine Rolle spielen könnten. Eine Auswertung dieses Faktors ist von allgemeinem Interesse.
  • Zellgrösse: In der aktuellen Diskussion wird der Wert einer kleinen Wabenzelle für die Verminderung der Varroamilbe diskutiert (Stever T. 2003), deshalb ist es sinnvoll diesen Faktor zu messen.

© www.summ-summ.ch - martin dettli