Vom Bienensterben und Bienenleben
Das Bienensterben vom Frühling 2007 war ein aussergewöhnliches Phänomen. Noch nie haben so viele Menschen nach dem Gesundheitszustand meiner Bienenvölker gefragt, das ging bis zu Beileid für meine leidenden und sterbenden Völker. Aber nein, meinen Bienen geht es prächtig, habe ich den Leuten geantwortet, bei einem so üppig blühenden Frühling sowieso. Den Völkern meiner Nachbarn ging es ebenso, aus der Schweiz hatte ich von keinem grösseren Problemgebiet gehört und auch meine deutschen Freunde lieferten keine anderen Informationen. Der Verband der schweizerischen Bienenzüchter hat sich ob der Aufregung gezwungen gesehen, im Mai eine Erhebung zu starten, welche dann im Juli der Presse vorgestellt wurde: Kein Bienensterben in der Schweiz. Das Phänomen war eine Medienerscheinung, welche von den USA herübergeschwappt ist..
Kein Problem also? Das stimmt wiederum nicht, denn wir hatten im Winter 2003/04 und 2005/06 ein Bienensterben und wir werden meiner Aussicht nach auch im Winter 2007/08 ein Bienensterben haben. Die Ursachen sind nicht einfach zu ermitteln. Das Bienenvolk in der imkerlichen Bienenhaltung ist ein fragiles Tier, welches Aufmerksamkeit und eine gute Betreuung braucht; dies vor allem zur rechten Zeit. Sonst kann es leicht passieren, dass die Bienenvölker den Imkerinnen und Imkern wegsterben. Zu finden sind dann noch leere Bienenkästen mit etwas Brut und wenigen toten Bienen. Denn wenn eine Biene spürt, dass sie krank oder zu alt ist, dann verlässt sie den Stock, um mit dieser Hygienemassnahme den Rest des Bienenvolkes zu schützen. Wenn aber alle krank sind, dann bleibt kein Restvolk mehr zurück.
Dieses Bienensterben war in den letzten zwanzig Jahren gehäuft zu beobachten; es ist nicht neu. Hans Wille, der dem schweizerischen Zentrum für Bienenforschung in Bern Liebefeld während 30 Jahren vorstand, hat 1982 geschrieben: „ Es ist doch eine Tatsache, dass weltweit gesehen es immer wieder Perioden gibt, in denen Bienenvölker schlecht über die Runden kommen, (..) diese seuchenhaften Züge können sporadisch zerstreut auftreten, sie können aber, oft mit grosser Wucht ausbrechen.“ Er hat sich zeitlebens dagegen gewehrt, dass ein einzelner Parasit oder Erreger die ganze Schuld in die Schuhe geschoben erhält.
In der heutigen Zeit hat jedes Forscherteam seine schuldigen Favoriten. Die Spanier glauben, dass die bakterielle Nosema dem Bienensterben zugrunde liege. Für die Franzosen ist der Pestizideinsatz der Landwirtschaft schuld und die schweizerischen und deutschen Forscher setzen auf Viren. Doch es gibt auch eine Gemeinsamkeit: Dass die Varroamilbe namhaft zum Bienensterben beiträgt, darin sind sich alle einig.
Der Blutsauger Varroamilbe
Die Varroamilbe ist ein Spinnentier. Einer Zecke nicht unähnlich, saugt sie sich am Bienenkörper fest. Vermehren kann sie sich nur auf der Bienenbrut und sie vermehrt sich in der verschlossenen Metamorphosezelle, wenn die Bienenmade sich zur erwachsenen Biene umwandelt. In der zwölftägigen Verdeckelungszeit kann eine Milbe 1-2 zusätzliche Milben heranziehen. Dies führt zu einer exponentiellen Vermehrung. Das Bienenvolk wird im Herbst von der Milbe überrannt, wenn nicht der Imker eingreift. Mit Ameisensäure, Thymol oder Oxalsäure tötet er so viele Milben ab wie nur möglich, damit das Bienenvolk mit nur wenigen Milben in die kommende Bienensaison starten kann. Die Behandlungen töten viele Varroamilben, für die Bienen sind sie überlebbar, man kann sich aber vorstellen, dass jede Behandlung ein Stress ist mit Folgen für das Mikroklima, die Mikrofauna und die Bienen selber. Waren vor 20 Jahren 8'000 oder 10'000 Varroamilben pro Bienenvolk noch überlebbar, so hat sich die Grenze des Ertragbaren heute auf 2000-3000 Varroamilben verringert. Man vermutet, dass Viren, die beim Saugen übertragen werden, zur Destabilisierung beitragen
Positive Forschungsergebnisse
In der kollektiven Trauer über das Bienensterben hat man die positiven Meldungen weitgehend übersehen. Dazu gehören die Ergebnisse der „Inselversuche“ auf Gotland in Schweden: Sie zeigen, dass nicht gegen Varroamilben behandelte Bienenpopulationen sich nicht nur halten können, sondern sich sogar vermehren. Bei diesem Versuch wurden 130 Bienenvölker 1998 auf der Insel ausgesetzt, mit minimaler Betreuung. Die Population sank nach drei Jahren auf neun Völker, in den letzten Jahren konnten sie sich aber wieder vermehren und Ende 2006 lebten 16 Bienenvölker ohne Varroabehandlung auf der Insel. Das ist ein Erfolg, der vorher nicht für möglich gehalten wurde. Ein Jahr früher haben wir hier in der Nordwestschweiz mit der Versuchsfrage begonnen, unter welchen Bedingungen ein Überleben von unbehandelten Bienenvölkern möglich ist. In diesen Versuchen haben wir gesehen, dass in Bienenvölkern, deren Populationsgrösse jeweils stark schwankt, in einer Phase der Kleinheit von nur 3000-6000 Bienen die Vermehrung der Varroamilbe nicht nur zum Erliegen kommt, sondern die Varroapopulation sogar abnimmt; Erklärbar wird dies durch die Beobachtungen einer slowenischen Forscherin, die zeigen konnte, dass varroatragende Bienen öfters nicht mehr von einem Ausflug zurückkehren. Die Phase der Kleinheit ist ein eigentlicher Gesundbrunnen. Die scheint bei den Völkern auf Gotland ebenfalls einen entscheidenden Einfluss auf die Überlebensmöglichkeit zu haben.
Natur und Kultur
Der Kontrast gibt zu denken: Die Bienen in der imkerlichen Bienenhaltung gehen an der Varroamilbe und ihren Begleiterscheinungen trotz aufwändiger, regelmässiger Bekämpfungsmassnahmen zugrunde. Wenig beeinflusste Versuchsbienenvölker finden jedoch selber einen Weg, welcher ihnen ein Überleben ermöglicht. Es gehört zu den Eigenheiten einer Bienenpopulation, dass ein vielfältiges Verhalten auftritt. So wird unter extremen Bedingungen das Überleben einer Population ermöglicht.
Diese Zusammenhänge deuten darauf hin, dass das Bienensterben mit der modernen Haltung und Zucht der Bienen zusammenhängt. Dass das so genannte Bienensterben folglich ein Bienensterben unter imkerlicher Betreuung ist.
Würde man den Bienen die Möglichkeit lassen, sich selber anzupassen, so würden einige Völker überleben, wie die Gotlandversuche zeigen. Doch das können wir uns gar nicht leisten! Aus verschiedenen Gründen können wir die natürliche Anpassung nicht zulassen, denn am Anfang würde ein solches Vorgehen – wie in Gotland - grosse Völkerverluste zeitigen. Da die Bestäubung eine Grundlage für unsere Nahrungsvielfalt ist und einen enormen wirtschaftlichen Wert auslöst, können wir nicht darauf verzichten. Auch die Gewinnung der Bienenprodukte mit ihrer Heilwirkung würde weitgehend entfallen. Und nicht zuletzt ist es der Imkerschaft mit ihrem emotionalen Bezug zu ihren Tieren schlicht nicht zumutbar, die Völker einfach wegsterben zu lassen.
Mensch und Bienenvolk
Was können wir tun, um die Situation für die Bienen zu verbessern? Nachdem wir die Strategie der Selbstregulierung (Anpassung) als undurchführbar beiseite geschoben haben, müssen wir uns dennoch fragen, was wir für die Bienen tun können. Das Ziel bei unseren Forschungsprojekten ist es, die eigenen Lösungsansätze der Bienenvölker zu beobachten und daraus Anregungen zu ziehen, wie wir dem Bienenvolk weiterhelfen können. Bei diesem Prozess stehen wir ganz am Anfang und wir verfügen auch über eng begrenzte Mittel an Geld und personellen Ressourcen.
Wenn die Wissenschaftler sich wie oben erwähnt in der Vielfalt der Ursachen nicht festlegen können, dann ist es Zeit, den Blickwinkel zu ändern und vom Bienenvolk her zu schauen. Das Bienenvolk scheint in seiner Vitalität geschwächt zu ein. Doch Vitalität ist nicht messbar, nicht wägbar, sie kann nicht so leicht in Zahlen gefasst werden. Es gibt verschiedenste Faktoren, welche die Vitalität beeinflussen, was der Vitalität zuträglich ist und was belastend wirken kann.
Das Bienenvolk lebt von der Blüte. Bienenvolk und Blütenpflanzen haben sich zusammen entwickelt und sind voneinander abhängig. Das Bienenvolk kann aufgrund seiner Sammelstrategie problemlos mehrere blütenlose Monate überleben, wie beispielsweise in der Wüste oder am Polarkreis. Bei uns hält es sich von März bis November für die Blüten bereit, mit einer entsprechend grossen Volksstärke. Wenn dann die Imkerschaft den fehlenden sommerlichen oder herbstlichen Nektarfluss mit massivem Zuckereinsatz kompensieren muss, dann ist etwas nicht gut. Blumen, welche Nektar und Blütenstaub absondern, sind ein Liebesdienst für die Bienen: Und dazu können alle etwas beitragen. Auf dem Balkon, im Privatgarten, in der öffentlichen Anlage oder in der Landwirtschaft: Blühende Landschaften tun allen gut, nicht nur den Bienen.
Die Imkerin und der Imker können einen Beitrag leisten, indem sie die Lebensäusserungen des Bienenvolkes ernst nehmen und mit den Impulsen arbeiten, die das Bienenvolk gibt. Im Naturbau kann das Bienenvolk den Wabenbau nach den eigenen Bedürfnissen in Arbeiterinnenbau und Drohnenbau einteilen. Es kann die Waben aus dem eigenen Körper heraus bilden, wie es das schon seit Jahrmillionen getan hat. Die vorgeprägten Wachsplatten sind noch keine hundert Jahre alt und zwingen das Bienenvolk in ein Korsett.
Im imkerlichen Fachjargon gilt ein Bienenvolk, das sich auf natürliche Weise mit Schwärmen vermehrt, als minderwertig. Es wird empfohlen, die Königin durch eine andere aus einer künstlichen Zucht zu ersetzten. Der bieneneigene Vermehrungsimpuls zeigt jedoch eine gute Entwicklung und tritt zum perfekten Zeitpunkt auf. Das Schwärmen ist eine Fortpflanzung, die aus dem Vollen schöpft. In der modernen Imkerei weltweit wird jedoch eine mechanische Vermehrung propagiert, bei der eine Gruppe Bienen zu irgendeiner Zeit zwischen Mai und September so in eine Not versetzt werden, dass sie bereit sind, Königinnen zu ziehen. Der eigene Vermehrungstrieb der Bienen ist unerwünscht. Die Demeterimkerei setzt hier andere Massstäbe: Grundpfeiler sind der Naturbau im Brutraum und eine Volksvermehrung aus dem Schwarmtrieb heraus. Den Vitalitätszuwachs kann man jedoch nicht messen.
Was aber keine Richtlinie vorgeben kann, das ist eine empfindsame Haltung gegenüber dem Bienenvolk. Das Bienenvolk ist ein Tier und nicht ein Haufen von kleinen Einzeltieren. Wenn wir das Bienenvolk als ein Gegenüber erleben, dann können wir uns in das Bienenvolk versetzen. Im Zweifel fragen wir, was wir aus Wissen und Empfinden heraus Richtiges machen können. Auch wenn das Bienenvolk nie eine Domestikation im üblichen Sinne erfahren hat, so werden die Bindungen zwischen Mensch und Bienenvolk doch enger durch die Zusammenarbeit.
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